Mindestlohn in der BRD: oberes Drittel oder Schlusslicht? - 12. November 2006

Von einem Mindestlohn in Höhe von 7,50 € würden in Deutschland ungefähr 4,9 Millionen Beschäftigungsverhältnisse erfasst, bei einer Höhe von fünf € wären es immerhin noch 1,5 Millionen. Gesamtwirtschaftlich würden die Arbeitnehmerbruttolöhne bei einem Mindestlohn von 7,50 € um etwa 12 Milliarden € steigen. EU-Berechnungen belegen's.

Bei fünf € läge die Steigerung bei nur etwa 2,2 Milliarden €. Mit der Lohnsteigerung durch einen Mindestlohn von 7,50 € wären Mehreinnahmen für die Sozialversicherungen von fast 4,2 Milliarden € verbunden, bei fünf € wären es lediglich gut 660 Millionen €. Dies belegen aktuelle Untersuchungen aus dem Institut Arbeit und Technik (IAT) zu der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in der BRD. Der „IAT”-Arbeitsmarktexperte Thorsten Kalina hat für Stundenlöhne zwischen fünf und 7,50 € Modellrechnungen vorgenommen und hieraus Anhaltspunkte zur Bestimmung eines möglichen Mindestlohns in Deutschland abgeleitet. Die Ergebnisse sind im aktuellen „IAT”-Report 2006-06 veröffentlicht.


Mindestlohn in Relation zum Durchschnittslohn (in %, 2004 bzw. 2002)


Der Vergleich mit Mindestlöhnen in anderen Ländern zeigt, dass sich Deutschland mit einem Mindestlohn von 7,50 € bezogen auf den Anteil am Durchschnittlohn und den Anteil an den Vollzeitbeschäftigten im oberen Drittel positionieren würde - aber z.B. gegenüber Frankreich noch deutlich zurückbliebe. „Ein Mindestlohn von fünf € würde demgegenüber lediglich 1,3 Prozent aller Vollzeitjobs erfassen und läge bei rund 33 Prozent des Durchschnittlohns - was den Werten der USA mit ihrem eher symbolischen Mindestlohn entspräche”, stellt Frau Dr. Claudia Weinkopf, Direktorin des Forschungsschwerpunktes „Flexibilität und Sicherheit” am „IAT”, fest.


Die gewerkschaftliche Forderung, einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 7,50 € brutto pro Stunde einzuführen, orientiert sich an dem absoluten Mindestlohnniveau vergleichbarer europäischer Nachbarländer wie den Niederlanden (7,96 €), Großbritannien (7,86 €) und Frankreich (8,03 €). Die Anteile der Vollzeitbeschäftigten, die auf dem Niveau des jeweiligen gesetzlichen Mindestlohnes bezahlt werden, sind jedoch im internationalen Vergleich sehr unterschiedlich. An der Spitze stehen mit 18 bzw. 15,6 Prozent Luxemburg und Frankreich. In ungefähr der Hälfte der hier einbezogenen Länder erhalten weniger als vier Prozent der Beschäftigten den Mindestlohn. Deutschland würde sich mit einem Mindestlohn von 7,50 €, der 8,2 Prozent aller Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse beträfe, in der Hinsicht auf Platz fünf der 17 aufgeführten Länder positionieren; wohingegen mit nur fünf € (1,3 Prozent aller Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse) Deutschland vor Spanien das Schlusslicht bilden würde.


Einen weiteren Anhaltspunkt für die angemessene Höhe des Mindestlohns bietet die Relation zum Durchschnittsverdienst. Auch hier zeigt sich im europäischen Vergleich (für 2002) eine große Spannbreite. In den osteuropäischen Ländern, Spanien, Portugal und Großbritannien liegt der Mindestlohn unter 42 Prozent des Durchschnittslohns. In diese Gruppe mit einem sehr niedrigen Mindestlohn lassen sich auch die Vereinigten Staaten einordnen. In Irland, Frankreich, Griechenland, Luxemburg, Malta, Belgien und den Niederlande liegt die Relation aus Mindestlohn und Durchschnittslohn bei 46 Prozent und mehr, in Frankreich mit mehr als 60 Prozent deutlich an der Spitze. In Deutschland entspräche ein gesetzlicher Mindestlohn von 7,50 € pro Stunde laut „IAT”-Berechnungen rund 49,4 Prozent des durchschnittlichen Stundenlohns von 15,19 €. Damit würde sich Deutschland im internationalen Vergleich in die Gruppe der Länder mit einem relativ hohen Mindestlohn einreihen. Ein Mindestlohn von fünf € entspräche demgegenüber nur 32,9 Prozent des deutschen Durchschnittsverdienstes und läge damit im internationalen Vergleich am untersten Rand des Spektrums - etwa auf dem Niveau der USA bzw. Estlands.