Adventskalender - ein Quell der Inspiration - 18. November 2006

Wie lange dauert es denn noch bis Weihnachten? Wie oft müssen wir schlafen, damit wir die Geschenke bekommen? So fragen Kinder seit über hundert Jahren. Esther Gajek zwar nicht ganz so lang, aber ihre prächtige Sammlung schöner Adventskalender von den Anfängen bis zur Gegenwart ist eine Schau - zu sehen seit gestern in Oberschönefeld.

Im Zentrum der Sonderausstellung, die bis 4. Februar im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld zu sehen ist, steht ein Zählinstrument zur Verkürzung der Wartezeit aufs Christkind, das ja aus der Adventszeit nicht mehr wegzudenken ist: der Adventskalender. Seine Entwicklung von einfachen, selbst gebastelten Formen um 1850 über die aufwändigen Ausgaben der ersten Jahrzehnte bis zu modernen Varianten wird anhand teils einzigartiger originaler Kalender gezeigt: Zu sehen sind z.B. bunt bedruckte, geglimmerte, geprägte oder mit Schokolade Befüllte, dreidimensionale Adventshäuschen und Exemplare mit bewegbaren Engeln, die Jung und Alt begeistern.


Weihnachtsuhr 1902 (links) und Mickey Mouse-Kalender 1975


Zunächst bastelten ja Mütter und Väter ihren ungeduldigen Kindern selbst Adventskalender: Sie steckten 24 Kerzen auf einen Kranz, hängten 24 Fähnchen auf ein kleines Bäumchen oder malten 24 Kreidestriche an Zimmertüren. Anfang des 20. Jahrhunderts griffen Verlage die Idee einer Zählhilfe für Adventstage auf. 1902 kam in Hamburg eine Adventsuhr heraus, 1904 in Stuttgart ein Ausschneidekalender. Der stammte von Gerhard Lang, Pfarrerssohn aus Maulbronn. Im Verlag „Reichhold und Lang” entstanden ab 1908 in München höchst einfallsreiche und von Künstlern geschaffene „Weihnachtskalender”. 1940, als Lang seinen Verlag aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste, hatten bereits viele andere Hersteller - in Deutschland, Österreich und sogar in Skandinavien - seine Ideen aufgegriffen.


Von 1941 bis 1944 erschienen sogar national-sozialistische „Vorweihnachts-Kalender”, die für jeden Tag im Advent ideologisierte Lieder, Sprüche, Geschichten und Bilder bereithielten. Gleich nach Kriegsende wurden wieder Adventskalender gedruckt: im Westen Deutschlands genauso wie im Osten. Profane Motive - allen voran verschneite Häuser in abendlicher Stimmung - überwiegen bis heute, aber auch religiöse Motive finden sich im Angebot.


Über 100 Jahre nach den frühesten gedruckten Fassungen sind Adventskalender beliebter denn je: bei Kindern wie auch bei Erwachsenen. Selbst Katzen und Hunde profitieren heute von der Idee einer kleinen Überraschung für die Tage im Advent. Mittlerweile zeugen sogar Oster-, Geburtstags-, Schwangerschafts- und Schulanfangskalender von dieser super Idee, Tage durch das Öffnen nummerierter Papiertürchen abzuzählen.


Die Kulturwissenschaftlerin und Adventskalenderspezialistin Esther Gajek, Regensburg, trug im Verlauf von 25 Jahren eine Tausende von Kalendern umfassende Sammlung zusammen. Für die Schau hat sie als Schwerpunkt den Nachlass des frühen Adventskalenderverlages „Reichhold und Lang”, ausgewählt, der mit zu den erfindungsreichsten Kalenderherstellern zählte. So sind Entwürfe und frühe Ausgaben mit unterschiedlichen Mechanismen zu sehen, aber auch „Zeitgenossen” und „Nachfolger” werden ausgestellt. In einem eigenen Bereich erzählen Adventskalender ihre Geschichte: von kindlicher Freude an bunten Bildern, aber auch von Flucht und Wiederaufbau ist hier die Rede.


Ein Quell der Inspiration und Kontemplation, die diese Sonderausstellung spendet - Besuch lohnt sich in jedem Fall für die ganze Familie. Ein großer Adventskalender zum Öffnen hält Überraschungen für Gäste bereit. Zur Schau gibt's ein reichhaltiges museumspädagogisches Begleitprogramm, und Führungen können bestellt werden. Zu sehen ist das Ganze jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, an den Feiertagen von 10 bis 14 Uhr. Noch Fragen? 08238.31.01.12. Viel Spaß!